Nürburg-King

Mercedes Typ  Nürburg

Mercedes Typ  Nürburg

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“Links, ja gut, jetzt einschlagen. Halt! Ein wenig zurück, so das passt!“, rufe ich und dirigiere über zwei Tonnen dunkelblaues Lebendgewicht durch ein Nadelöhr. Schweißperlen stehen mir auf der Stirn. Ich gehe rückwärts, die Hände in der Luft, mit den Fingern möglichst präzise deutend. Den Mann am Steuer lässt das kalt. Mit geschmeidigen Bewegungen am Volant und entspannten Gesichtzügen lässt Heiner Rössler seinen Mercedes 460 Typ Nürburg durch die Engstelle gleiten – echten Bedarf an einer Einweisung hat er eigentlich nicht. Gekonnte Finesse! Das Nadelöhr seinerseits besteht ebenso aus automobilen Kostbarkeiten: Der Vorkriegstourer mit dem sonoren Klang rollt durch ein Old- und Youngtimerspalier, von dem er sich aber in einem Punkt besonders unterscheidet: Der Mercedes mit Gläser-Karosserie ist ein Unikat.

Wir befinden uns im Automuseum Melle und der Nürburg rollt für den Fototermin aus dem Gebäude. Das ist aber keine Ausnahme: Sämtliche Fahrzeuge des Museums sind fahrbereite und zugelassene Privatleihgaben. Bewegte Klassiker, die nicht länger als ein halbes Jahr im Museum verweilen dürfen und selbst in dieser Zeit noch gefahren werden. “Technik muss benutzt werden, sonst steht sie sich kaputt“, erläutert Museumsleiter Rössler das Wechselkonzept. Spricht’s und macht sich getreu diesem Motto schwungvoll, präzise Zwischengas gebend, auf den Weg zur Fotolocation. Mehrere hundert Kilometer legt er im Jahr zurück und demonstriert so, dass auch exquisite Oldtimerpretiosen völlig alltagstauglich sein können und nicht nur in verborgenen Kammern schlummern müssen.

In den frühen 1920ern herrschte helle Aufregung bei Mercedes. Die feine Kundschaft warf ihr Auge zunehmend auf ein Luxusprodukt der Konkurrenz, den Horch 8. Diesem Erfolg des ersten deutschen Serienachtzylinders sollte nun Konstruktionschef Ferdinand Porsche etwas Angemessenes entgegensetzen. Ergebnis: Der Nürburg. Der repräsentative Reihenachtzylinder war größer, stärker aber auch teuerer als der Zwickauer Konkurrent. Dessen Verkaufszahlen von annähernd 15.000 Stück sollte der Typ 460 auch nie erreichen. Ein Erfolg wurde er dennoch. Immerhin gingen 2.893 Exemplare bis 1933 in die Hände so illustrer Kunden wie Bankier Baron Alfons von Rothschild, erfuhren sich höchste Weihen unter Papst Pius XI oder begleiteten Kaiser Wilhelm II im Exil. Nur warum benennt man einen über zwei Tonnen schweres Repräsentationsmobil nach einer schon damals weltbekannten Rennstrecke? Ein zweiwöchiger Testmarathon mit über 20.000 Nürburgringkilometer unter der Leitung von Konstrukteur Porsche war in diesem Fall Namensgeber.

Die Stuttgarter boten zwar damals für zahlreiche Nürburg-Fahrgestelle auch selbst Karosserievarianten an, doch wer etwas Besonderes suchte, ließ Maßschneidern. Zum Beispiel bei der Dresdner Firma Gläser. Hier entstanden Aufbauten nach Wunsch, oft in nur kleinen Stückzahlen oder als Unikat – so wie die hier gezeigte “Modellkarosserie“.

“Es ist vermutlich das einzige Gläser-Transformationscabriolet basierend auf dem Nürburg, das gebaut und erhalten geblieben ist“, so Rössler. Ein Transformationscabriolet lässt folgende Verdeckvariationen zu: Ganz geschlossen oder offen, in Kombination mit einer Trennscheibe kann man aber auch nur den Fahrgastraum bedecken und den Chauffeur im Freien lassen: “Das war damals extrem vornehm und den Fahrern wurde zumindest nicht zu heiß. Auf langen Urlaubsfahrten konnten aber auch wir diesen Umstand nutzen: vorne fuhren wir offen und die Kinder hinter der Trennscheibe geschlossen“, erinnert er sich schmunzelnd zurück. Dem Chauffeur wurde früher für seine Lenkarbeit nur wenig Platz zugebilligt - zugunsten eines größeren Fahrgastraumes. Dieser Gläser ist davon nicht betroffen: “Der Erstbesitzer, ein Herzspezialist aus Bad Nauheim, war wohl sehr sozial eingestellt, der Fahrerplatz ist äußerst großzügig bemessen“, freut sich der Besitzer darüber auch heute noch.

Heiner Rössler erwarb seinen Nürburg bereits vor über 30 Jahren, nachdem der Tourer nur kurz zwei weitere Eigner gehabt hatte, quasi aus erster Hand. “Nur wenige interessierten sich damals für solche Fahrzeuge“, freut sich der 70-Jährige. Konnte er doch das Fahrzeug damals praktisch in einem Tauschhandel erwerben. Einige BMW-Motorräder und eine umfangreiche Ersatzteilsammlung sicherten ihm damals den Mercedes.

Von: Peter Löschinger

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